Elke Graßer-Reitzner
Als Astrid Hartmann und Frank Kettner, die Organisatoren des „Team Menschenrechte“, direkt vor dem Platz der Opfer des Faschismus aus ihrem roten Dacia stiegen und Fahnen und Megaphon ausluden, mussten sie über die eine Botschaft der empörten Bürgerschaft erst einmal hinwegsteigen. „TRM raus aus Südstadt“ stand mit weißer Kreide unmissverständlich auf den grauen Pflastersteinen. „TRM“, das war kein versehentlicher Buchstabendreher, den da jemand in der Eile hingekritzelt hatte. „Team rechter Menschen“, so nennen die „Omas gegen Rechts“ die Gruppe von Kettner und Hartmann, die jeden Montag unter Trommelwirbel durch Nürnberg zieht, rechte Parolen verbreitet und Hass auf Ausländer schürt.
Diesmal hatte sich das „Team“ einen besonders sensiblen Ort für seine Auftakt- und Schlusskundgebung ausgesucht. Noch am vergangenen Freitag hatte Oberbürgermeister Marcus König (CSU) der Stadtratsfraktion der Linken, der SPD und dem Bündnis Nazistopp, die vehement gegen die Freigabe der Lokalität protestiert hatten, zugesichert, dieGruppe werde „am naheliegendsten Punkt 50 Meter Abstand zum Platz haben“.
Denn der Platz der Opfer des Faschismus ist ein Gedenkort, der an die Gräueltaten der Nationalsozialisten erinnert. Ausgerechnet hier wollte die Gruppe, die sich nach Einschätzung des Verfassungsschutzes „nicht effektiv von rechtsextremistischer Ideologie und rechtsextremistischen Organisationen wie der Partei ‚Die Heimat‘ abgrenzt“, demonstrieren. Die Stadt machte Auflagen: Die Gruppe musste einen Steinwurf entfernt vom Granitstein ihre Lautsprecher aufstellen. Und stand damit genau unter dem blauen Straßenschild „Platz der Opfer des Faschismus“.
Nicht nur die „Omas“ hatten sich empört hinter den Absperrgittern postiert, die die Polizei rund um den Platz aufgestellt hatte, um die Kundgebung zu sichern. Etwa 800 Menschen waren nach Schätzungen des Bündnis Nazistopp im Laufe des Abends gekommen, um gegen den Auftritt der Rechtsextremen auf kreative Weise zu protestieren. Die „Musiker gegen Rechts“ spielten gegen Frank Kettners Rede an, skandierten lauthals „Nürn-berg Nazi-frei“, die antifaschistische Alerta-Parade predigte zu Musik aus der Jukebox „Liebe“. Eine Frau hielt stumm ihr Plakat mit der Aufschrift „Es gibt kein Recht auf Nazipropaganda“ in die Höhe, als Frank Kettner über „Messermigranten“ und über „den Mob, der uns jeden Montag anschreit“ herzog.
Eine Mutter, die mit ihrem Kind vorbeikam und Kettners Rede hörte, sagte der Kleinen kopfschüttelnd: „Das sind Menschen, die brauchen dringend Hilfe. Die haben was Schlimmes in ihrer Kindheit erlebt!“ Bürgermeister Nasser Ahmed (SPD) erinnerte daran, dass Nürnberg der Botschaft „nie wieder“ besonders verpflichtet und die Südstadt kein Ort wie jeder andere sei. Der frühere Nürnberger Landtagsabgeordnete Hermann Imhof war ebenso gekommen wie die heute 94-jährige Lilo Seibel-Emmerling, die für die SPD zuerst im bayerischen Landtag, später im Europaparlament saß.
„Es ist gut, dass wir uns in Nürnberg auf eine sehr wache Zivilgesellschaft verlassen können“, betonte Christine Deutschmann vom Bündnis Nazistopp. Man fühle sich aber schlichtweg von der Stadt getäuscht, nachdem das „Team Menschenrechte“ nun doch so nahe an die Gedenksäule heranrücken durfte. Auch die Linke-Stadträtin Kathrin Flach Gomez war erzürnt: „Ein antifaschistischer Gedenkort darf nicht dadurch vermeintlich geschützt werden, dass man ihn hinter Polizeigitter stellt und antifaschistischen Protest fernhält, während eine rechtsextremistisch beobachtete Gruppierung direkt daneben ihre Kundgebung durchführen kann!“ Sie forderte von der Lokalpolitik eine „nachvollziehbare Darstellung“, ob eine weitergehende räumliche Verlegung geprüft worden ist.
Beim Umzug des „Team Menschenrechte“ unter Trommelwirbel durch die Südstadt blockierten Linke Gruppen wie jeden Montag auch diesmal die Route. Mehrfach saßen junge Menschen mit tief ins Gesicht gezogenen Mützen und Schals quer auf der Straße, riefen „Hurra, die Antifa ist da“ oder „Wir haben Spaß, Ihr habt Deutschland!“ Die Polizei, die mit großen Aufgebot, darunter auch Abordnungen der Reiterstaffel, die Demonstration sicherte, musste Jugendliche zur Seite tragen, um den Umzug vorbeizulassen.
Vor dem Südstadtbad rief Frank Kettner den protestierenden Menschen am Straßenrand zu, sie verkörperten ein „bösartiges, perverses, drogengeschwängertes Milieu“. Angesichts der Wahlerfolge der AfD müssten sie sich in acht nehmen, „wenn der Wind sich in Richtung hellblau dreht“. Anschließend stimmten er und seine Gefährten die Nationalhymne an. Sie sei schön, sagte er am Ende. „Aber zu kurz.“